Wann genau sind eigentlich die Zwischentöne in Diskussionen ausgestorben? Das kam mir neulich in den Kopf, als ich mal wieder ein heutzutage so typisches Streitgespräch moderieren durfte.
Es gab Meinung A. Und total konträr dazu Meinung B. Dazwischen war gar nichts. Wer für Meinung A war, war zwangsläufig gegen Meinung B. Und umgekehrt. Man könnte auch sagen: Bist du nicht meiner Meinung, bist du mein Feind. So funktionieren immer mehr Diskussionen heute. Aber so funktioniert das Leben nicht.

Die Wahrheit ist selten ein Fall für Extreme
Im Grundsatz ist der Sinn von klärenden Gesprächen und Diskussionen ja der Ausgleich von Interessen und nicht der Kampf gegeneinander. Ansonsten könnten wir uns das verbale Vorgeplänkel sparen und gleich zur Auseinandersetzung mit kriegerischen Mitteln übergehen. Will natürlich keiner. Wie kommen wir also weg vom Aufbau von Feindbildern, weg vom reinen Entweder-Oder?Wie kommen die Zwischentöne wieder zu ihrem Recht?

Zeit für eine neue Diskussionskultur
Letztlich muss jeder bei sich selbst anfangen. Denn so überzeugt man von seiner eigenen Sicht der Dinge auch ist: meist andere haben ebenfalls gute Argumente, die man sich zumindest anhören und reflektieren sollte. Ohne sofort jedem aufgebracht ins Wort zu fallen, der es wagt, andere Ansichten zu vertreten. Wir müssen alle lernen, Zwischentöne wieder zuzulassen. Kritik muss erlaubt sein. Abwägungen dürfen nicht als Schwäche ausgelegt werden. Natürlich wirkt es vordergründig schwach, eine Position der Zwischentöne einzunehmen. Und natürlich kann man von Extrempositionen aus andere besser niederschreien und lächerlich machen. Doch dass es nicht soweit kommt, das ist die Aufgabe einer guten Gesprächsmoderation.

Nur in der Vielfalt der Ansichten entwickelt sich die Gesellschaft weiter
Toleranz im verbalen Austausch muss die neue Höflichkeit werden. Dabei bedeutet Toleranz nicht, ausschließlich das zu tolerieren, was zur eigenen Meinungswelt passt. Ganz im Gegenteil geht es dabei vor allem auch darum, die abweichenden Meinungen auszuhalten, die einem überhaupt nicht passen. Denn Meinungsfreiheit ist nicht nur ein Artikel im Grundgesetz, sondern eine ganz wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Und zu den allermeisten Fragestellungen findet sich die Wahrheit eher in den Zwischentönen und nicht in den Extrempositionen. Gespräche und Diskussionen sind letztlich Wege, durch Kompromisse unser Zusammenleben auszuhandeln. Dabei sollten wir uns nicht auf eine Schwarz-Weiß-Sicht der Dinge beschränken.

Birte Karalus