Die Zeiten für gute Argumente sind hart geworden. Denn heute geht es für viele nur noch um Emotionen. Zählbares, Greifbares interessiert da nicht. Nun sind Gefühle sind ja erst mal nichts Schlechtes. Und knallharte Rationalität allein ist selten ein guter Ratgeber. Nur gibt es solche und solche Gefühle. Positive. Und durch und durch negative. Aggressivität zum Beispiel. Oder Wut. Wer wütend ist, ist dauerhaft im Verteidigungsmodus seiner Ansichten. Er muss sich sogar verteidigen, wenn er gar nicht angegriffen wird. Und da Angriff die beste Verteidigung ist, greift er eben von sich aus an. Keine gute Voraussetzung für gute Gespräche.

Wenn Emotion die Oberhand gewinnt
Der Sinn von Kommunikation ist der Austausch von Gedanken. Betonung auf Austausch. Keine Kommunikation ist, wenn man nur stur seine Meinung abfeuert, in der Absicht, sein Gegenüber einfach platt zu machen. Inhaltliches Eingehen auf Gegenargumente: Fehlanzeige. Zuhören: Ebenfalls nicht vorgesehen. Aufkommen lassen eines Gesprächs oder einer echten Diskussion: keine Chance. Klingt nach nichts Gutem. Hat sich aber leider ziemlich weit verbreitet.

Ist Wut inzwischen schon salonfähig?
Wut ist ein recht verbreitetes Stilmittel der Kommunikation geworden. Nicht nur bei den sogenannten Wutbürgern. Ganz normale Studenten halten es heute für angemessen, massiv Veranstaltungen zu behindern, wenn ihnen die Meinung der dort Vortragenden nicht passt. Zu jeder Demo gehört die wütende Gegendemo, deren Ziel es nur ist, die anderen Demonstranten niederzuschreien. Wundert es jemand, dass wir auch bei Politikern mehr und mehr Wut finden, die Argumente ersetzt?

Das Internet macht alles schlimmer
Aggressive Positionen haben in den sozialen Medien den großen Vorteil, dass sie einfach mehr Aufmerksamkeit generieren. Das bringt Klicks und Likes, die Währung in der heutigen Informationsökonomie. Und es klärt die Lager eindeutig. Gleichzeitig erzeugt Wut bei Andersdenkenden Gegenaggression. Ein unschöner Effekt, bei dem man sich gegenseitig in Postings hochschaukelt. Verschärft wird das noch durch die Unmittelbarkeit. Ein Tweet bei Twitter ist unrückholbar in Sekunden in der Welt und verbreitet sich unter Umständen zigtausendfach.

Wie kommt die Wut wieder aus der Auseinandersetzung?
Es ist nicht leicht, mit Wut konstruktiv umzugehen. Man wird schnell zum Opfer, wenn man nicht aufpasst. Doch es lohnt sich. Aus meiner Erfahrung kann man Wütende auch mit ihrem Verhalten konfrontieren. Sie bloßstellen. Denn hinter der wütenden Fassade ist nicht viel. Nur Wut. Probieren Sie es aus. Wenn Sie das nächste Mal wieder mit jemand zu tun haben, der nur Wut kultiviert. Lassen Sie sich nicht ein auf seine Hysterie. Bleiben Sie gelassen. Vertrauen Sie auf Argumente. Helfen Sie mit, wieder eine Kommunikationskultur aufleben zu lassen, die diesen Namen verdient.

Birte Karalus