Über andere reden liegt im Trend. Wahrscheinlich wurde ja schon immer viel über andere geredet, wenn diese gerade nicht da waren. Aber noch nie wurden so viele dieser Aussagen festgehalten und dokumentiert. Die sozialen Netzwerke sind voll davon. Warum sind andere so wichtig geworden, dass man permanent seine Meinung über sie kundtun muss? Und machen das alle oder sind manche besonders betroffen?

Das Reden über andere ist ein Massenphänomen

Tatsache ist: es machen – in unterschiedlicher Ausprägung – fast alle. Egal welches Alter. Egal welcher Bildungsstand. Egal ob Mann oder Frau. Scheint also ein Grundbedürfnis von uns Menschen zu sein. Psychologen wie Siegmund Freud sehen darin eine Projektion, die dazu dient, eigene Gefühle und Wünsche auszuleben, indem sie anderen zugeschrieben werden. Wir würden also gern selbst etwas tun, trauen uns aber nicht oder werden aus anderen Gründen davon abgehalten. Und genau deswegen sagt das, was wir über andere sagen, auch ganz viel über uns selbst aus.

Kritik hintenherum führt nirgendwo hin

Nun kann man über andere gut oder schlecht reden. Im Prinzip. Tatsächlich überwiegt die Kritik. Wir finden es ganz normal, andere zu kritisieren. Das ist zu einer echten Kultur geworden. Unterstützt durch soziale Medien, die jeden dazu animieren, auch mal seine Ansicht zu posten. Doch wie sinnvoll ist es, jemanden hinter seinem Rücken zu kritisieren? Wenn mich das Verhalten einer Person tatsächlich stört und ich möchte, dass es geändert wird, dann ist der sinnvollste Weg, direkt mit dieser Person zu reden. Nur dann habe ich eine Chance, mein Problem tatsächlich zu lösen.

Wenn ich dagegen nur über die Person rede, ändere ich nichts, gebe nur ein Statement über mich selbst ab. Und das lautet in etwa so: „Ich habe ein Problem mit einer Verhaltensweise dieser Person. Das Problem ist mir so wichtig, dass ich in der Öffentlichkeit mit anderen darüber rede oder in sozialen Medien poste. Ich traue mich aber nicht, dieses Problem anzugehen, bin zu schwach oder zu feige. Ich verstecke mich deshalb lieber in der Anonymität.“Das ist doch ein ganz anderes Bild, als die vermeintliche Überlegenheit, aus der heraus man jemanden kritisiert?

Bewahren Sie das Augenmaß

Ich will nicht darauf hinaus, dass man andere nicht kritisieren darf. Aber man muss auch nicht gleich übers Ziel hinaus schießen. Nicht alles, was mich stört, muss ich breit kommunizieren. Denn oft weiß ich auch gar nicht genug, um ein Urteil abgeben zu können. Ich kenne die Person nicht wirklich, kenne nicht die Gründe für ihr Handeln. Es ist immer sinnvoll, erst mal mit der Person selbst zu sprechen. Wenn das nichts bringt, kann man ja immer noch auf Facebook posten 😉
Und an eins sollte man immer denken: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt mit 3 Fingern auf sich selbst.

Birte Karalus