Kommunikation sieht man gemeinhin als etwas Selbstverständliches: Ich sage etwas und mein Gegenüber versteht es so, wie ich es gemeint habe. Wäre schön, ist aber nicht so. Denn dann dürfte es ja keine Missverständnisse geben. Und alle müssten auf dieselben Fakten ähnlich reagieren. Tatsächlich ist Kommunikation nicht eindeutig, sondern hochgradig individuell.

Der Grund ist einfach: Bei der Kommunikation gibt es nicht nur einen „Sender“ und einen „Empfänger“, sondern auf beiden Seiten auch eine Menge „Software“, die Kommunikation verarbeitet, filtert und dabei keine allgemeingültigen Standards kennt oder akzeptiert. Das, was ich über den Kommunikator, das Thema und die Welt ganz allgemein denke, ist ganz entscheidend dafür, wie ich Kommunikation aufnehme.
Es ist meine Erwartungshaltung, die mich bestimmten Worten eine bestimmte Bedeutung geben lässt. Und die mich dazu bringt, das zu überhören, was ich nicht hören möchte. Dieselben Fakten nimmt jeder ganz anders wahr. Jeder macht sich seine eigene Wahrheit daraus.

Der Mensch sieht überall sich selbst

Auch wenn wir meinen, objektiv zu sein: Tatsächlich sind wir durch und durch subjektiv – ein Ergebnis unserer Erziehung, unserer Erfahrungen, unserer Ausbildung, unserer Vorbilder. Alles was wir kommunikativ aufnehmen, ist letztlich ein Spiegelbild unseres eigenen Ichs. Fakten werden deshalb nie objektiv, sondern immer subjektiv wahrgenommen. Schwer vorstellbar? Ein Beispiel: Als Beobachter in ein und derselben Situation werden verschiedene Menschen hinterher mit ganz anderen Schwerpunkten berichten. Ein Student anders als ein Rentner, eine Führungskraft anders als ein Arbeiter, eine Frau anders als ein Mann.

Jeder wird andere Details aus der Situation mitgenommen haben. Auch die eigene Gefühlslage hat einen starken Einfluss darauf, wie Kommunikation aufgenommen wird. Ruhe ich in mir und bin ausgeglichen und zufrieden habe ich eine andere Kommunikationsaufnahme, als wenn ich mich zurückgesetzt, unterdrückt und abgehängt fühle, um nur mal zwei Extreme zu verdeutlichen. Auch Angst vs. Zuversicht sind starke Beeinflusser von Kommunikation.

Selektive Wahrnehmung ist Selbstschutz

Wenn man um all die Faktoren weiß, die Kommunikation beeinflussen: Könnte man sich dann nicht selbst zur objektiveren Aufnahme von Kommunikation zwingen?
Wahrscheinlich nein. Die selektive Wahrnehmung ist auch ein Schutzmechanismus, der uns Sicherheit in einer als latent unsicher empfundenen Welt gibt. Etwas, was zu meinem Weltbild passt, bedroht mich weniger als Fakten, denen ich mich erstmals stellen muss.Wenn wir also schon selbst kaum raus können aus unserer Haut, sollten wir als kommunizierender Mensch grundsätzlich davon ausgehen, dass das, was wir sagen, bei unserem Gegenüber immer gefiltert werden wird.

Klarheit und Empathie hilft, kommunikative Ziele zu erreichen

Wer die Einschränkungen durch die selektive Wahrnehmung kennt, kann auch damit umgehen. Das heißt: wir können uns zwingen, noch deutlicher zu kommunizieren, uns noch intensiver in unser Gegenüber hinein zu versetzen. Wenn wir ahnen, in welche Richtung Kommunikation verzerrt werden wird, können wir an den Punkten deutlicher werden, die dieser Verzerrung entgegen wirken. Verstehe, wie deine Zielperson denkt und du hast den Hebel, sie wirklich zu erreichen. Einen Dialog können wir so ein wenig verbindlicher machen, ihm einiges von den Verzerrungen nehmen, mit denen er bei der anderen Seite aufgenommen wird.

Kommunikation wird auch dann zwar nicht 100 % steuerbar, sie verliert aber doch einen guten Teil der Zufälligkeit.

Birte Karalus