Erstaunlich, wie schnell das Lügen salonfähig geworden ist. Top-Manager, die ihr Unternehmen an den Abgrund gebracht haben, reden sich ernsthaft damit raus, von nichts gewusst zu haben und streichen noch ungeniert einen Bonus ein. Wutbürger erfinden Nachrichten und stellen sie in die sozialen Netzwerke, wo sie so oft geteilt werden, bis mancher sie für die Wahrheit hält. Und Politiker entwickeln eine ungeahnte Kreativität darin, die Wahrheit zu designen. Das Erstaunliche: Man entrüstet sich in den meisten Fällen nicht, man nimmt es einfach hin. Vielleicht, weil man es gar nicht mehr anders kennt.

Lügen sind so alt wie die Menschheit

Lügen gibt es seit jeher und das ist auch gut so. Stellen wir uns nur mal vor, wie unser soziales Leben aussähe, wenn es keine Lügen gäbe. Gemeint sind natürlich die kleinen, charmanten Lügen, mit denen wir der rauen Wirklichkeit ein wenig Kosmetik verpassen. Denn man wäre schnell einsam, wenn man wirklich immer das sagen würde, was man denkt. Das wollen wir also mal als entschuldbare Lügen durchgehen lassen. Anders sieht die Sache aus, wenn Lügen massiv eingesetzt werden, um sich oder Gruppierungen unfaire Vorteile zu verschaffen.

Lügen als taktisches Element

Dass erwischte Täter im Verhör gern mal lügen, um sich noch irgendwie rauszuwinden, kennt man. Dass aber heutzutage in vielen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen Umfeldern die Lüge als veritable Fortsetzung der Wahrheit angesehen wird, ist dann doch eine andere Qualität.

Wo hat das eigentlich angefangen? Früher hieß es, es wird nie so viel gelogen wie vor einer Wahl, während eines Krieges und nach einer Jagd. Das könnte einiges erklären. Denn nicht nur Politiker sind heutzutage quasi im Dauerwahlkampfmodus.
Auch Unternehmen sehen sich durch die sozialen Medien plötzlich einem gnadenlos aufgeklärten Konsumenten gegenüber, den sie permanent für sich gewinnen und einnehmen müssen. Wenn das nicht gelingt, wählt er ganz schnell einen anderen Anbieter. Klar, dass es schwer ist, wenn man sich dabei allein auf die Wahrheit berufen kann. Da lässt man dann zumindest mal Teile der Wahrheit weg, das ist ja noch keine Lüge … Oder doch?

In einem immer härten Umfeld wird Lügen zur Überlebensstrategie

Sozialer Druck hat heute eine neue Qualität erreicht. Nehmen wir nur mal die vielen ganz normalen Menschen, die glauben, sich und ihr Leben in den sozialen Medien präsentieren zu müssen. Messlatte sind dabei die Profile von Stars und Promis.

Da bleibt die Wahrheit schnell auf der Strecke: Fotos werden mit Photoshop bearbeitet und geschönt. Und eher langweilige Wochenenden werden durch erfundene Details mächtig aufgewertet.

Auf wirtschaftlicher Ebene hat die Auseinandersetzung zwischen Unternehmen neue Dimensionen erreicht. Die Globalisierung sorgt für drastische Vergleichbarkeit und Austauschbarkeit. Von der Führungsspitze wird der Druck nach unten weitergegeben. Kein Wunder, dass mancher sein Glück dann in Tricksereien sucht.
Auf allen Hierarchieebenen. Denn dass Lügen sich auszahlen und einen ganz nach oben bringen können, lernt man schnell.

Und dass man sich ans Lügen gewöhnen kann, haben Neil Garrett und seine Kollegen vom University College London mit einem Experiment nachgewiesen. Während man sich selbst mit kleineren Lügen zu Beginn schlecht fühlt, ändert sich mit der Häufigkeit des Lügens die emotionale Reaktion. Man fühlt sich nicht mehr schlecht mit der Lüge und riskiert mit der Zeit immer mehr.

Viele Lügenkonstrukte entstehen genau so.

Lügen glaubt man eher

Sind Lügen glaubhafter und sympathischer als die Wahrheit? Will man angelogen werden und sucht sich die Lüge aus, die einem am sympathischsten ist? Dazu passt eine Umfrage der Hörzu aus dem Jahre 2013. Dort sagten 88 % der Befragten, dass Politiker lügen. 67 % sind sogar überzeugt, dass es für Politiker manchmal notwendig ist, zu lügen. Sie zeigen also Verständnis. Also alles ok? Nicht wirklich.

Lügen haben kurze Beine

Das Dumme an den meisten Lügen ist, dass sie irgendwann doch auffliegen.
Irgendwer ist letztlich schlauer als man selbst. Irgendwann plaudert jemand, auch wenn er versprach, dicht zu halten. Oder man verplappert sich versehentlich selbst, weil man sich in seinen Konstrukten selbst nicht mehr zurechtfindet. Und dann ist oft der Preis, den man hinterher für seine Lügen zahlt, viel höher, als der Vorteil, den man sich zunächst dadurch verschaffte.

Wie wär’s mit ehrlich sein als Gegenstrategie?

Jeder Trend entwickelt seinen Gegentrend. Der Gegentrend zur Selbstoptimierung und zur Verfälschung der Wahrheit ist die Authentizität, die Ehrlichkeit. Die funktioniert fast noch besser als das Lügen. Mercedes-Benz beispielsweise hat sein Elch-Test-Debakel (als bei Ausweichmanövern die A-Klasse umkippte) durch eine Kampagne der gnadenlosen Ehrlichkeit nicht nur gut überstanden, sondern auch an Sympathie gewonnen. Das wäre nicht nur für VW die richtige Strategie. Sondern auch für viele Politiker, für Medien, für jeden von uns.

Birte Karalus