Respektloses Verhalten begegnet Ihnen heutzutage überall: auf der Straße, in den sozialen Medien, im Flugzeug oder – wie ich Ihnen in meinem letzten Blog berichtet habe – beim Zahnarzt. Ich habe Ihnen ebenfalls erzählt, dass ich solches Verhalten inzwischen auch meistens anspreche, wenn es der Rahmen erlaubt. 

Ein Leser hat mich daraufhin gefragt, ob wir damit den Respektlosen Respekt beibringen können. Ganz ehrlich: Da mache ich mir keine falschen Hoffnungen …

Tolle Idee, Mama

Wenn Sie anderen mit erhobenem Zeigefinger begegnen, nehmen diese nur noch schwer an, was sie sagen. Ja, selbst wenn Sie glaubhaft versichern, dass es dem- oder derjenigen dadurch besser gehen wird: Sie werden sich innerlich gegen Ihren Appell sträuben. 

Wahrscheinlich ist das ein menschlicher Zug, erinnern Sie sich mal an Ihre Kindheit: Wenn Ihre Mutter oder Ihr Lehrer sagte: „Lies doch mal ein gutes Buch, das bringt dir Freude und bildet“ – Wie haben Sie reagiert? Sicherlich haben Sie nicht geantwortet: „Tolle Idee, mache ich sofort …“

Ich setze also nicht darauf, dass wir Menschen damit Respekt beibringen können, indem wir sie darauf ansprechen. Aber vielleicht machen wir ihnen das Respektlose an ihrem Verhalten so wenigstens bewusst. Vor allem aber können wir ihnen und allen anderen signalisieren: Dieses Verhalten wollen wir nicht als Normalität hinnehmen. 

Um Menschen Respekt beizubringen, gibt es nur eine einzige Methode …

Tagtäglicher Respekt?

Viktor Frankl, der große österreichische Psychiater und Holocaust-Überlebende, hat einmal gesagt: „Werte kann man nicht lehren, sondern nur vorleben.“ Genau das ist es: Es geht um das Vorleben von Respekt, es geht um positive Vorbilder. Doch die fehlen in unserer Gesellschaft. Oder genauer: in der Öffentlichkeit. Denn schauen Sie sich um …

Im Fernsehen dominiert der ruppige Umgang in vielen der Casting-Jurys. Denn dieser „gewisse Ton“ sorgt für Quote. Manchmal hat man das Gefühl, dass hier darauf „geachtet“ wird, unverschämt, laut und gnadenlos zu sein. Doch bevor ich in eine reine Medienschelte verfalle: Natürlich müssen auch wir uns fragen, wo diese Entwicklung herkommt: Wer schaltet denn überhaupt ein und sorgt für die Quote? Sind das nicht wir?

Wer auch immer „schuld“ ist, im Fernsehen finden wir also die positiven Vorbilder nicht. Vielleicht in den anderen Bereichen des öffentlichen Lebens? Blicken Sie zum Bespiel in die politische Landschaft: Tun sich deren Akteure mit einem respektvollen Umgang hervor? Hm … In den Talkshows erschöpft sich die Gesprächstaktik von Politikern in der Regel doch darin, die anderen schlecht zu machen, statt auf deren Beiträge einzugehen und einen konstruktiven Gegenvorschlag zu machen. Und wie sieht es mit dem respektvollen Umgang im Sport aus?

Vielleicht erinnern Sie sich an Neymar, einen der Stars bei der Fußball-WM 2018: Das ist der brasilianische Spieler, der die theatralische Schwalben am Fließband produziert hat – und damit ganz sicher kein Vorbild für die Millionen leidenschaftlicher Fußballfans im Stadion oder an den Fernsehgeräten war. 

Bleibt noch die Wirtschaft: Aber von deren Bossen erwartet heute eh schon keiner mehr respektvolles Verhalten.

Woran sollen sich also die Menschen orientieren, wenn sie auf allen Bühnen nur noch Respektlosigkeit als Normalfall vorgeführt bekommen?

Menschlichkeit braucht Vorleben

Ich behaupte deshalb ganz entschieden: Wir brauchen wieder mehr Vorbilder!

Das gilt für die Jugend, aber auch zunehmend für die Erwachsenen: Wir alle brauchen den positiven Gegenentwurf zu dem menschenverachtenden Verhalten, das Einzug gehalten hat. Wir brauchen Vorbilder für Menschlichkeit. Und am besten fangen wir bei uns selbst an!

Manche behaupten ja, die Zeit der Vorbilder sei vorbei. Das glaube ich nicht. Im Gegenteil: Unsere Zeit hat Vorbilder nötiger denn je – im Großen wie im Kleinen. Das glaube ich umso mehr, da ich vor Kurzem ausführlich mit einem Journalisten gesprochen habe, der eines der größten Vorbilder der Geschichte lange begleiten durfte. Aber davon mehr in meinem nächsten Blog …

#MachtMenschlichkeit