Seine Meinung ändern können ist seit jeher eine wichtige Fähigkeit des Menschen. Ohne diese wäre die technische, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung undenkbar gewesen.

Denn wenn die allgemeingültige Meinung lautet „Der Mensch kann nicht fliegen“, wird es spätestens dann Zeit, diese zu ändern, wenn zwei Brüder das Gegenteil beweisen.

Mir kommt es vor, als ob wir uns derzeit rückwärts bewegen, was die Offenheit anderen Meinungen gegenüber angeht.

Meinungen sind zu Persönlichkeitsmerkmalen geworden, die man stolz nach außen trägt und leidenschaftlich verteidigt. Meinungsaustausch ist nicht vorgesehen und endet schnell im Streit um Meinungen.

Dabei ist eine einzelne Meinung doch nie mehr als eine einzige Art und Weise, einen Sachverhalt zu sehen und zu bewerten.

Und mit gutem Recht können Meinungen sehr verschieden sein. Nehmen wir nur mal ein einfaches Beispiel: den privaten Pkw.

Für die einen ist er Umweltzerstörer. Für die anderen Freiheitsbringer. Die einen lieben ihn als Statussymbol. Die anderen hassen ihn als Symbol für Abgrenzung und Protz. Und so weiter.

Ist eine dieser Meinungen absolut falsch? Sicher nicht. Ist eine absolut richtig? Auch nicht.

Es gibt kein grundsätzliches Richtig oder Falsch bei Meinungen, stattdessen haben diese immer ganz viel mit dem einzelnen Menschen zu tun und damit, wie er die Welt sieht.

Der Begriff „Selektive Wahrnehmung“ bezeichnet dabei das Phänomen, dass der Mensch bevorzugt das wahrnimmt, was seinen Bedürfnissen und Erfahrungen entspricht. Wer eine Meinung hat, findet zwangsläufig überall Belege, die diese Meinung stützen. Damit festigt sich eine Meinung immer mehr.

Wird sie damit richtiger? Nicht unbedingt.

Denn nicht jede Meinung kann richtig sein. Zudem gibt es oft mehrere richtige Meinungen zu einem Sachverhalt.

Bei der Frage, ob die Erde eine Scheibe oder eine Kugel ist, ist offensichtlich, dass eine Meinung richtig und eine falsch ist.

Andere Fragestellungen sind komplexer und lassen entsprechend wesentlich mehr Meinungen zu, die alle mehr oder weniger richtig oder falsch sein können.

Wie erzieht man Kinder richtig? Wie sorgen wir dafür, dass unser Planet eine Zukunft hat? Welches ist die beste Gesellschaftsform? Das sind nur drei Beispiele für Themen, bei denen eine enorme Bandbreite an Meinungen zu finden sein wird.

Nicht leicht, hier zwischen richtig oder falsch zu entscheiden.

Als Moderatorin in heiklen Gesprächsrunden wundere ich mich oft, mit welcher Aggressivität an Meinungen festgehalten wird. Man scheint sich dann sehr sicher zu sein, dass die eigene Meinung die einzig richtige ist.

Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie nur dann richtig ist, wenn man einen ganz bestimmten Blickwinkel einnimmt. Mit einem anderen Blickwinkel kommt man zu ganz anderen Meinungen.

Grund genug, seine Meinung nicht wie ein Schutzschild vor sich her zu tragen, sondern wieder und wieder die Diskussion mit anderen Meinungen zu suchen.

Meinungsaustausch wie ich ihn verstehe, meint nicht nur die Notwendigkeit, Meinungen untereinander auszutauschen, um den anderen und dessen Blickwinkel zu verstehen.

Für mich gehört dazu auch die Möglichkeit, eine einmal gefasste Meinung zu ändern – auszutauschen – wenn sich der eigene Blickwinkel geändert hat.

In der Wissenschaft ist dieser „Meinungsaustausch“ grundlegender Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens auf der Suche nach Erkenntnis.

Niemand zwingt uns, an einer einmal gefassten Meinung für immer festzuhalten. Wäre dies so, würden wir noch immer denken, die Erde wäre eine Scheibe.

Starten wir also doch eine Sharing-Kultur der Meinungen. Seien wir offen für den Meinungsaustausch. Und hören wir uns andere Meinungen mit offenem Herzen an, ohne sie sofort aggressiv abzulehnen.