Sich ausleben, sich nicht zurückhalten lassen, sich an keine Regeln halten müssen – das ist nur eine kleine Auswahl der Formulierungen, die Sie von Freiheitssuchenden, Kreativleuten und überhaupt von Menschen hören, die sich verwirklichen wollen. Regeln? Haben da keinen Platz.

Und ich kann da nur den Kopf schütteln. Nicht über die Menschen, die sich verwirklichen möchten. Bitte, ich wünsche ihnen viel Erfolg. Aber ich für meinen Teil schätze Regeln. Sehr sogar. Und ich verrate Ihnen, warum.

Das Fahrrad auf der Autobahn

Wenn wir uns als Gesellschaft angewöhnen, keinerlei Regeln zu akzeptieren – und auf diesem Weg sind wir bereits recht weit fortgeschritten –, was gilt dann noch? Ganz einfach: die eingebaute Vorfahrt fürs Ich.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Stellen Sie sich den Straßenverkehr ohne Regeln vor. Niemand sagt Ihnen, dass Sie auf Ihrer Spur bleiben müssen. Ob Sie im Rechts- oder Linksverkehr fahren – Ihre Wahl. Heute vielleicht mal mit dem Fahrrad über die Autobahn brettern. Und einmal im Leben Geisterfahrer sein, das wäre doch irgendwie spannend! Hmm …

Ich denke, Sie sehen, was ich meine: Wenn in einer Gesellschaft jeder nur an sich selbst denkt und sich nicht länger für gemeinsame Regeln interessiert, folgt früher oder später der unvermeidbare Crash.

Regeln fürs Cockpit

Dass Regeln heutzutage so einen schlechten Ruf haben, verstehe ich deshalb nicht. Ich möchte geradezu für Regeln plädieren. Und das vor allem vor den Menschen, die immerzu fürchten, Regeln könnten ihre Freiheit einschränken.

Freiheit und Regeln – das ist für mich kein Widerspruch. Denn gute Regeln sind wie Leitplanken: Sie geben einen Rahmen vor, innerhalb dessen Sie sich – und wir als Gesellschaft uns – freier bewegen können, als wenn es sie nicht gäbe. Folgen Sie mir noch einmal kurz ins Auto-Cockpit: Wenn sich auf der Straße alle innerhalb der Leitplanken bewegen, Sie also nicht permanent mit Geisterfahrern rechnen müssen, wie viel freier und schöner macht das bitte Ihre persönliche Fahrt? Und unter uns: Es kann nicht so blöd sein, an einer roten Ampel zu halten oder im Stau eine Rettungsgasse zu bilden. Obwohl Sie und ich dabei Regeln befolgen …

Wenn wir also nach den Regeln durchs Leben „fahren“, haben nicht nur unsere unmittelbaren Beifahrer etwas davon.

Für die Rennfahrer unter Ihnen

Wir profitieren als Gesellschaft insgesamt. Denn Regeln und Leitplanken geben in erster Linie Sicherheit. Dem Fahranfänger genauso wie dem Rennfahrer. Auf sie können wir uns verlassen, sie geben uns Stabilität. Und nichts braucht unsere Gesellschaft derzeit dringender.

Das Schöne ist: Auf dieser Autopiste der Regeln können Sie mit gutem Beispiel vorangehen. Sie haben es in der Hand, Vorbild zu sein und die Regeln eines guten Zusammenlebens zu befolgen.

So treffen wir Geisterfahrer in Zukunft maximal noch auf der Straße. Und hoffentlich nicht einmal dort.