Nur über das Vorleben von Werten verändern Sie die Welt – im Kleinen wie im Großen. Dass ich zurzeit Schwierigkeiten habe, solche Vorbilder in der Öffentlichkeit zu finden, davon habe ich in der vergangenen Woche geschrieben.

Ist Ihnen mittlerweile jemand eingefallen? Auch nicht?

Woran liegt es, dass wir weder in der Politik, noch in der Wirtschaft oder im Sport oder in den Medien Menschen mit dieser Strahlkraft finden?

Warum nutzen Menschen, die in diesen exponierten Stellungen sind, nicht ihre Position, um gemeinschaftliche Werte vorzuleben?

Aus nächster Nähe

Welch großartige Vorbilder dafür unsere Geschichte zu bieten hat, ist mir erst wieder neulich auf einer Konferenz in England vor Augen geführt worden – am Beispiel von Nelson Mandela. Ich hatte dort das große Glück, mich lange mit John Carlin zu unterhalten. John hat Mandela über viele Jahre hinweg aus nächster Nähe begleitet und u.a. die Vorlage für den Hollywood-Blockbuster Invictus mit Morgan Freeman und Matt Damon geliefert. 

Besonders faszinierend finde ich seine Dokumentation „The 16th Man“ über Mandela und die Rugby-WM 1995 in Südafrika, in deren Schlüsselszene deutlich wird, wie es Mandela zu Beginn seiner Präsidentschaft geschafft hat, ein ganzes Land zu verändern und zu vereinen.

Tränen für Mandela

Rugby war während des Apartheid-Regimes der Sport der Weißen und deshalb riefen damals viele schwarze Bürgerrechtsbewegungen zum Boykott von Südafrikas Heim-WM 1995 auf. Nicht so Mandela.

Er verstand die Kraft und die Wirkung des Sports. 

John erzählte mir, dass diese gestandenen Rugbyspieler, die mit den Glaubenssätzen groß wurden, dass Weiße „wertiger“ als Schwarze seien, über die ganze Zeit der Interviews ihre Tränen nicht zurückhalten konnten.  Sie erinnern sich an ihren schwarzen Präsidenten, der sie so eindrucksvoll durch seine Großartigkeit, durch seinen Mut und sein Vergeben bewegt hatte.

Tiefbewegt schildern sie den Moment, als Mandela am Ende des Turniers zu ihnen, den siegreichen „Springboks“ hinunter auf das Feld kommt, ihr Teamshirt trägt, ihnen gratuliert, sie alle beim Namen kennt und ihnen aufrichtigen Respekt zollt.

Man spürt ihren Stolz, durch diesen Präsidenten repräsentiert zu werden.

Mir kam in den Sinn, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn man mich 27 Jahre lang im Gefängnis als politischen Häftling auf das Übelste behandelt hätte – und ich dann vor den Aushängeschildern des einstigen Apartheid-Regimes stehen würde? 

Werte im Kleinen

Mich berührt diese Szene in „The 16th Man“ immer wieder zutiefst. Weil sie mir zeigt, wie ein Mensch durch das bloße Vorleben von Werten die Kraft entfachen kann, ein ganzes Land, ja, die ganze Welt zumindest für Momente zu vereinen. Aber genau solche Vorbilder kann ich derzeit auf der Welt leider kaum entdecken. 

Aber heißt das nun, dass wir ohne öffentliche Vorbilder vor den Problemen dieser Welt kapitulieren müssen? Nein! Denn – siehe oben – die Welt verändern wir auch durch das Vorleben von Werten im Kleinen oder – besser gesagt – gerade dort. 

#MachtMenschlichkeit