Wir leben in einem der wohlhabendsten Länder der Welt und in einem der sichersten. Wir haben sauberes Wasser aus dem Hahn, Strom kommt aus der Steckdose und zwar 24 Stunden am Tag. Es gibt das Wahlrecht, wir haben Meinungsfreiheit, vor allem aber leben wir seit über 70 Jahren in Frieden. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Deshalb sind unsere Medien voll von positiven Meldungen, wir reden mit Kollegen, Freunden und in der Familie von nichts anderem, als dass es uns so gut geht wie noch keiner Generation vor uns.

Oder etwa nicht?

So viele Missstände

Wenn ich in Gesprächen auf all die Dinge hinweise, die in Deutschland gut laufen, ernte ich regelmäßig empörte Reaktionen: Wie ich behaupten könne, dass hier „alles“ prima laufe, wo doch so viel im Argen läge? Ich sei ja wohl naiv, denn hierzulande gebe es doch Kinderarmut, alte Menschen müssten im Winter im Kalten sitzen, weil sie ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können – wenn sie sich überhaupt noch die Miete leisten könnten –, immer längere Schlangen an den Essensausgaben der Tafeln – um nur einige Beispiele zu nennen. 

Ja, Sie haben recht! Diese Missstände gibt es und sie sind unerträglich. Es ist mit gesundem Menschenverstand nicht nachzuvollziehen, dass wir mit den Möglichkeiten, die unserem Land gegeben sind, diese nicht ändern. Doch ist das der Grund, dass wir uns nur noch auf das Schlechte konzentrieren?

Fakt ist, dass wir in den Nachrichten, in unseren Gesprächen und Gedanken wesentlich mehr auf das Negative fokussieren als auf das Gute. Begierig saugen wir Negativ-Schlagzeilen auf und heizen damit den Wettkampf der Journalisten um die schwärzeste Darstellung erst recht an. Und irgendwann sind wir selbst davon überzeugt, es gäbe nichts als beklagenswerte Zustände und wir könnten rein gar nichts an diesem Lauf der Welt ändern.

Damit kultivieren wir selbst sehr nachhaltig unsere Ohnmacht!

Für mehr Menschlichkeit

Letzte Woche kam ich beim Friseur mit einem jungen Mann ins Gespräch. Er erzählte mir, wie viele Sorgen er sich um den Zustand „der Welt da draußen“ macht – so kalt und rücksichtslos sei sie geworden. Es mache ihm regelrecht Angst. Mit „da draußen“ meinte er nicht etwa die globale politische Lage, sondern ganz konkret die Situation in seiner Stadt. 

Ich fragte ihn: „Was tun Sie dagegen?“

Er schaute mich ganz verblüfft an und meinte: „Was meinen Sie – was soll ich dagegen tun?“ 

„Die Welt da draußen, das sind auch Sie und ich“, entgegnete ich ihm. „Sie sind ein Teil davon. Wer sonst soll damit anfangen, etwas gegen kaltes und rücksichtsloses Verhalten und für mehr Menschlichkeit in dieser Stadt zu tun, als wir?“

Er schwieg. Das Gespräch hatte ein abruptes Ende.

Erst als ich bereits bezahlt hatte und im Gehen begriffen war, tauchte er wieder auf, half mir in den Mantel und sagte: „Danke für Ihre Worte vorhin. Ich musste erstmal drüber nachdenken, was das für mich konkret bedeutet.“

Ganz praktisch, ganz persönlich, ganz alltäglich

Wir lassen uns einreden, wir hätten keine Macht, etwas zu ändern. Und wir glauben das auch zu gerne, denn Jammern ist so viel bequemer als Handeln. Doch dadurch lassen wir den Dingen fremdbestimmt ihren Lauf und das ist kein guter.

Dabei kann jeder von uns seinen Teil zu einem guten Miteinander beitragen: in seinem Zuhause, in seiner Straße, auf dem Weg zum Job, bei der Arbeit – überall. Ganz praktisch, ganz persönlich, ganz alltäglich. 

Ich sage nicht, dass wir unsere Probleme damit alle lösen werden. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft – als Gemeinschaft im Großen wie im Kleinen – erst dann wieder stark werden und die Missstände angehen können, wenn wir wieder ein Gefühl für das menschliche Miteinander gefunden haben – das ist es, was uns stark macht! 

Das heißt aber, dass jeder bei sich anfängt. Ja, es ist ungewohnt, erst zu geben, bevor Sie etwas bekommen. Das wird Ihnen nirgendwo gesagt und nur wenig vorgelebt. Einen Versuch ist es aber mehr als wert!

#MachtMenschlichkeit