Ist Ihnen eigentlich bewusst, in wie vielen Schubladen Sie stecken?

Hinein gelegt von Leuten, die Sie gar nicht so richtig kennen. Und wenn Sie wüssten, welche Schubladen das sind, wären Sie manchmal ganz schön irritiert.

Andere in Schubladen einsortieren, ist bequem. Und es ist schnell erledigt. Oft reicht ein flüchtiger erster Eindruck.  Kleidung, Auftreten, Gesichtsausdruck oder Körpersprache – alles klar, ab in die Schublade. Und da liegt man nun und bleibt wahrscheinlich auch dort.

Online funktioniert es ähnlich. Ein Posting gelesen, zwei Fotos gesehen und schon ist die passende Schublade gewählt.

Natürlich bin ich auch nicht frei davon. Ich erinnere mich an eine Einladung  – kurz vor Corona – bei der fiel mir dieser Abziehbild-Hipster auf. Sofort von mir einsortiert unter: „selbstverliebter Schnösel“.

Dieses Schubladendenken ist nichts Neues. Für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, die Umwelt blitzschnell kategorisieren zu können: Essbar – Giftig. Freund – Feind. Sicher – Gefährlich.

Heute sind die Kategorien andere. Doch eins hat sich nicht geändert: wer erst mal in einer Schublade drin ist, kommt nicht so schnell wieder raus.

Unsinnig, denn meist erfolgt das Einsortieren in die Schublade auf Basis des ersten flüchtigen Eindrucks. Eine Person mit all ihren Facetten kennengelernt hat man da noch längst nicht. Was bzw wer einem da alles verloren geht…

Spätestens dann würde man nämlich feststellen, dass die gewählte Schublade gar nicht passt. Entweder müssen noch andere Schubladen her oder die Beschriftung muss sehr viel umfangreicher werden.

So ging es mir mit meinem „Schnösel“.  Wie der Zufall es will, hatte die Tischordnung ihn in meine unmittelbare Nähe sortiert. Und ich durfte über die nächsten Stunden feststellen, dass meine Schublade komplett falsch gewählt war und ich es mit einem äußerst charmanten, offenen Menschen zu tun hatte. Was für eine Überraschung!

Schubladendenken und Vorurteile gehen eben Hand in Hand. Oh, da höre ich schon wieder die, die sagen: „Vorurteile sind doch nur Urteile auf Basis von Erfahrungen“. Das ist natürlich richtig. Nur ist es leider so, dass Vorurteile sich selbst bestätigen, wenn man nur fest genug dran glaubt.

Das Phänomen der selektiven Wahrnehmung sorgt nämlich dafür, dass ich in meiner Umwelt genau das wahrnehme, was meinen Vorurteilen und meinen Schubladen entspricht.

Auch im Gespräch mit Menschen filtert man das, was der andere sagt, durch das Label der Schublade, in die man ihn bereits gesteckt hat.

Mit dem Schubladendenken schrumpfen auch unsere Problemlösungsfähigkeiten. Dadurch, dass wir uns durch Denkschubladen eingrenzen, berauben wir uns selbst unserer Kreativität und übersehen intelligente Lösungen.

Ich habe mir vorgenommen, meine Schubladen abzuschaffen oder mal klein angefangen: sie mir bewusst zu machen und dann zu entleeren. Der Mensch in seiner Komplexität passt nicht in eine Schublade, also sollten wir ihn auch nicht dort hineinstecken.

Ehrlich: es ist anstrengend und allzu oft merke ich, wie ich es mir dann doch lieber leicht machen will. Andererseits habe in meinem Umfeld alte „Schubladen-Bekannte“ neu-kennengelernt. Echt faszinierend!

Es ist nicht leicht und man muss täglich daran arbeiten. Ich würde mir wünschen, dass meine Umgebung auch immer mal wieder überprüft, ob ich in ihre Schubladen passe.

Wie sehen Sie das? In welchen Schubladen stecken Sie zu Unrecht und wann ertappen Sie sich selbst beim Einsortieren in Denkschubladen? Während der Corona-Zeit haben viele von uns die Zeit genutzt, um gründlich aufzuräumen. Wie wäre es mit einem Blick in diese Schubladen?