Wie halten Sie es eigentlich mit Gutmenschen? Sind Sie auch einer? Oder gehören Sie eher zu den Leuten, für die Gutmenschen die Wurzel allen Übels sind? Und was genau verstehen Sie überhaupt unter einem Gutmenschen?

„Den“ Gutmensch per se gibt’s wohl nicht

Ist ein Gutmensch einer, der beim Kirchentag das farbenfrohe Halstuch schwenkt, ein Tierfreund, der sich rein pflanzlich ernährt, ein Flüchtlingshelfer oder ein Sprachhygieniker, der „gender-gerecht“ spricht und schreibt? Und was ist mit Fridays-for-Future-Demonstranten sowie Extinction-Rebellen: auch alles Gutmenschen?

Warum polarisieren Gutmenschen so extrem?

So vielschichtig wie die Definition ist die Haltung gegenüber Gutmenschen. Den einen sind sie herzlich egal, die anderen ärgern sich mächtig darüber.

Falls Sie auch zu denen gehören, die sich über solche Leute ärgern: Worüber ärgern Sie sich eigentlich am meisten? Über die Position, die der jeweilige Gutmensch vertritt, oder mehr darüber, auf welche Weise er oder sie das tut?

Ärgern Sie sich womöglich vor allem darüber, dass solche Leute den Eindruck erwecken, sie seien moralisch überlegen?

Oder mehr darüber, dass es sich oft um Menschen handelt, die entweder eher wohlhabend sind oder im Gegensatz dazu häufig auf Kosten der Gesellschaft leben?

Vielleicht auch darüber, dass es Leute sind, die völlig auszublenden scheinen, dass es auch Menschen gibt, die zwischen all ihren beruflichen und privaten Verpflichtungen weder Zeit noch Energie dafür haben, sich mit veganem Essen zu befassen oder einen Flüchtling bei seinen Ämtergängen zu begleiten?

Machen wir uns doch einfach locker

Worüber auch immer Sie sich (vielleicht) aufregen: Wahrscheinlich haben Sie mit Ihrer Kritik nicht völlig Unrecht. Ebenso wahrscheinlich aber treffen Sie damit keineswegs nur die sogenannten Gutmenschen.

Demonstratives moralisches Überlegenheitsgetue nervt immer – auch dann, wenn es nicht von grünen Veggi-Day-Predigern kommt, sondern von gestrengen Ordensleuten oder von engstirnigen Dorf-Nachbarn, die – ganz im Gegensatz zum städtischen Gutmenschen – gegen schwule Schützenbrüder oder geschiedene Lehrerinnen hetzen.

Auch Leute, die so tun, als hätten Reiche und Arme dieselben Chancen und Möglichkeiten, wenn sie denn bloß wollten, sind immer eine Zumutung – auch dann, wenn sie nicht bei Fridays for Future mitmarschieren, sondern  als etablierte Parteipolitiker das sogenannte „Leistungsprinzip“ und den „freien Marktwettbewerb“ als letzten Schrei der Gerechtigkeitsdebatte verkaufen wollen.

Messt sie nicht an ihren Worten, sondern an ihrem Tun

Gegen gute Menschen kann keiner etwas haben. Gegen Gutmenschen schon. Das eine verhält sich zum anderen wie ein frommer Mensch zur Frömmelei oder ein kritischer Mensch zum notorischen Nörgler.

Der Unterschied liegt zum einen im Stil, zum anderen in der Glaubwürdigkeit. Niemand hat jemals Mahatma Gandhi, Mutter Theresa oder Martin Luther King als Gutmenschen denunziert.

Es fällt auch niemandem ein, Frank Walter Steinmeier mit abwertendem Unterton zu den Gutmenschen zu zählen, weil er seiner Frau eine Niere gespendet hat. Oder die Feuerwehrleute, die am 11. September 2001 unter Einsatz ihres Lebens versucht haben, Menschen aus den Büros des World Trade Centers zu retten.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen und sie zeigt: Was den guten Menschen vom Gutmenschen unterscheidet, das sind Wille und Mut zur Tat.

Auch das Gute ist vor allem dann etwas wert, wenn es etwas kostet. Und zwar einen Verlust an persönlichem Komfort, an gewohnter Sicherheit, an liebgewonnener Freiheit.

Kein Problem, denn „gut sein“ macht glücklich. Das können mittlerweile sogar die Neurologen nachweisen. Gute Menschen wissen es seit jeher.

Bitte keine Angst vor guten Taten

Sie dürfen also gut sein, ohne ein Gutmensch zu werden. Achten Sie einfach darauf, im Alltag gut zu handeln und ersparen Sie es sich und anderen, daraus eine Überlegenheit abzuleiten.

Wenn wir das alle tun, haben wir mehr Spaß an einem freudvolleren Miteinander und müssen uns weniger über Gutmenschen ärgern.