Beruflich bin ich viel in England und den USA unterwegs. In diesen Ländern fällt die Redewendung „Charity begins at home“ – „Nächstenliebe beginnt zu Hause“ häufig. An diesen Worten ist viel Wahres dran. Doch wird dieser Satz im angloamerikanischen Sprachraum genauso häufig missverstanden und auf eine verdrehte Weise gelebt wie bei uns. 

Wie verstehen Sie ihn ?

Charity für wen?

Die typische Auslegung geht so: Die Familie kümmert sich zunächst einmal um sich selbst. Absolut okay. Es heißt aber nicht: „Das war’s dann auch und die anderen sind mir egal. Nimm dir, was du kriegen kannst und wenn es sein muss, setze deine Ellbogen ein.“

Im Gegenteil: Wer für seine Kinder das Beste will, der bringt ihnen in der eigenen Familie möglichst früh bei, wie sie mit anderen Menschen respektvoll umgehen. Denn dann kommen Respekt und Wohlwollen auch wieder zurück. 

Selbst Egoismus kann auf diese Weise sozial sein: Wenn Sie darauf achten, was den Interessen und Bedürfnissen Ihrer eigenen Familie tatsächlich (und nicht nur vordergründig) dient, was Ihnen wirklich guttut, dann haben Sie und Ihre Familie nämlich für ein menschlicheres Miteinander schon einen großen Beitrag geleistet. 

Charity heißt …

Nicht ohne Grund heißt es ja: „Charity BEGINS at home.“ Deshalb endet diese Fürsorge auch nicht am Gartenzaun. Und vom Zaun aus ist es eigentlich nur noch ein kleiner Schritt, auch einmal danach zu sehen, wie es der alten Nachbarin geht, was dem Fahrer hilft, der wöchentlich die Getränke bringt, der Verkäuferin am Gemüsestand oder der Freundin der eigenen Tochter. Auch außerhalb des eigenen Dunstkreises gibt es eine Welt, die zählt. Und zwar ganz konkret. 

Neulich im Flieger: Ein kurzer Flug nur von London nach Frankfurt. In der Reihe vor mir eine vierköpfige Familie – die Tochter und der Sohn zwischen fünf und acht Jahre alt. Nette Leute eigentlich. Aber: Der Vater ist zugestöpselt. Kopfhörer in den Ohren, einen Laptop auf den Knien. Die Mutter versucht erfolglos, aber lautstark, das Schlimmste zu verhindern. Glauben Sie mir, es gab niemanden im Flugzeug, der sie nicht hören konnte – abgesehen von ihrem zugestöpselten Ehemann. Ich habe Mitleid mit der gestressten Mutter. Aber auch mit mir, meinen Mitreisenden und den Angestellten der Fluglinie.

Charity on a plane

Denn noch vor der Landung haben die Kinder die erste Sitzreihe in ein Schlachtfeld verwandelt. Auf und zwischen den Sitzen, auf dem Boden, auf den ausklappbaren Tischen lagen nicht nur die eigenen Habseligkeiten wild verstreut herum. Auch das Spielzeug, das die außergewöhnlich geduldigen Stewardessen den Kindern zwischendurch als Geschenk überreichten, der Großteil des servierten Essens und benutze Taschentücher trugen ihren Teil bei zum Bild flächendeckender Verwüstung. Die Reinigungsmannschaft, die das Flugzeug sofort nach der Landung auf Vordermann bringen muss, wird die Hälfte ihrer ohnehin knapp bemessenen Zeit benötigen, um die Hinterlassenschaften nur dieser einen Familien zu beseitigen.

Charity begins at home. Ob das auch für das „home“ des Chaos-Clans aus der ersten Reihe gilt? Was hier im Flieger passiert, ist eher das Gegenteil: komplette Ignoranz der Welt „da draußen“. Die Arbeit der Stewardessen, des Reinigungspersonals, die Privatsphäre der Mitreisenden, das alles kümmert diese Familie offenbar nicht im Geringsten. 

Die Hand voller Möglichkeiten

Sie könnten sich jetzt darüber ärgern oder auch lapidar sagen: So sind halt Kinder. Mein Gedanke ist eher bei der Zukunft dieser Kinder. Welche Chancen haben sie später einmal auf ein gutes Miteinander, wenn sie die  Grundlagen des Zusammenlebens nicht zu Hause lernen? Und wie wirkt sich das auf unser aller Zusammenleben aus?

So entsteht langsam und subtil ein Umfeld, in dem auch das eigene Leben und das der Familie immer weniger „Spaß“ macht. Die gute Nachricht lautet: Es muss nicht so kommen.

Wir haben es selbst in der Hand. Menschlichkeit und Nächstenliebe sind in den vielen kleinen Dingen des Alltags so einfach zu leben und der Respekt denen wir anderen zollen, kommt zu uns zurück. Um so früher wir das lernen, umso selbstverständlicher ist es für uns. 

Manchmal müssen wir nur die Stöpsel aus den Ohren nehmen und handeln statt in egoistischer Ignoranz zu verharren. 

Warum tun wir es nicht einfach – und beginnen damit zu Hause. Oder im Flugzeug. 

#MachtMenschlichkeit